Viktor Ullmann

Viktor Ullmann

* 01.01.1898
† 18.10.1944
Herkunftsland: Tschechische Republik

In Kürze:

Der Kaiser von Atlantis oder die Todverweigerung
Dirigent: Ingo Ingensand
14.03.2010 | Kammerspiele - Linz - Österreich

Der Kaiser von Atlantis oder die Todverweigerung
Dirigent: Toshiaki Murakami
17.03.2010 | Ballhof eins - Hannover - Deutschland

Profil

Viktor Ullmann wurde am 1. Januar 1898 in der österreichisch-schlesischen Grenzstadt Teschen geboren (katholische Taufe am 27. Januar), wo er auch seine Kindheit und Jugend verbrachte. 1909 übersiedelte er mit seiner Mutter, der Tochter eines wohlhabenden Wiener Juristen, nach Wien, wo er seine Gymnasialzeit am Rasumofsky-Gymnasium 1916 mit dem Kriegsabitur abschloss und zudem ab 1914 für zwei Jahre ersten musiktheoretischen Unterricht bei dem Schönberg-Schüler Dr. Josef Polnauer nahm. 1916-18 leistete er als "Einjährig Freiwilliger Kanonier" freiwilligen Militärdienst. Im September 1917 erlebte er seinen ersten Fronteinsatz und wurde nach der Oktoberoffensive an der italienischen Isonzofront mit der Silbernen Tapferkeitsmedaille ausgezeichnet; kurz vor Kriegsende, am 28. September 1918, wurde er zum Leutnant der Reserve befördert. Im gleichen Jahr immatrikulierte er sich als Jurastudent an der Wiener Universität, trat außerdem Ende des Jahres in Arnold Schönbergs "Seminar für Komposition" ein und erhielt Klavierunterricht bei Eduard Steuermann. Auf Schönbergs Vorschlag hin wurde er am 6. Dezember 1918 in den Gründungsvorstand des "Vereins für musikalische Privataufführungen" aufgenommen.

1919 brach Ullmann das Jura-Studium in Wien ab, trat aus der katholischen Kirche aus und heiratete Martha Koref, die er im Schönberg-Seminar kennen gelernt hatte. Beide übersiedelten nach Prag;  Ullmann nahm Kompositionsunterricht bei Dr. Heinrich Jalowetz, der wie auch Polnauer Schüler Schönbergs war und am Neuen Deutschen Theater Prag (Leitung Alexander von Zemlinsky) als Kapellmeister wirkte.


Im Herbst 1920 trat Ullmann an diesem Theater eine Stelle als Chordirektor und Korrepetitor, später (1922-27) auch als Kapellmeister, an. Neben dieser Tätigkeit entstanden in den zwanziger Jahren Kompositionen, mit denen Ullmann erste beachtliche Erfolge errang (darunter Sieben Lieder mit Klavier 1923/24, eine Bühnenmusik zu Klabunds Kreidekreis 1925, die Symphonische Phantasie 1925, ein Oktett 1926, die bereits 1925 komponierte erste Fassung der Schönberg-Variationen und das erste Streichquartett 1927). Mit Ausnahme einer späteren Fassung der Schönberg-Variationen ((Fünf) Variationen und Doppelfuge über ein kleines Klavierstück von Arnold Schönberg für Klavier) gelten alle Werke dieser Zeit als verloren.


1925 erhielt Ullmann ein Stipendium von 1.000 Kronen von der "Deutschen Gesellschaft der Wissenschaften und Künste für die tschechoslowakische Republik". Ein weiterer Antrag für 1936 wurde abgelehnt. 1926 wurde er gemeinsam mit Erwin Schulhoff, Fidelio Friedrich Finke und Hans Krása in den Vorstand des Prager "Literarisch-Künstlerischen Vereins" gewählt. Ein Jahr später ging er für eine Spielzeit als Opernchef nach Aussig, verließ dieses Theater jedoch nach Ablauf der Saison und kehrte nach Prag zurück, wo er in der Folge ohne festes Engagement lebte. Die zweite Fassung der Schönberg-Variationen fand 1929 auf dem Genfer Musikfest der Internationalen Gesellschaft für Neue Musik (IGNM) internationale Beachtung; im gleichen Jahr erschienen in "Riemanns Musik Lexikon" und im "Deutschen Musiker-Lexikon" erste biographische Artikel über ihn.


1929-31 übernahm Ullmann am Schauspielhaus Zürich ein Engagement als Komponist für Bühnenmusik und Kapellmeister. Unter dem Eindruck von mindestens zwei Besuchen im Goetheanum in Dornach begann er, sich für die Anthroposophie Rudolf Steiners zu begeistern. 1931 wurde seine Ehe mit Martha Koref geschieden; mit seiner zweiten Frau Anna Winternitz, die er im gleichen Jahr in Prag heiratete, zog er nach Stuttgart und übernahm dort die "Novalis-Bücherstube" (vormals "Bücherstube des Goetheanums"). Am 31. Juli 1931 trat Ullmann in Stuttgart der 1924 gegründeten tschechoslowakischen Landesgesellschaft der Anthroposophischen Gesellschaft bei (sein Mentor war Alois Hába) und gab für die nächsten zwei Jahre jegliche musikalische Betätigung auf.


1933 verließ Ullmann mit seiner Frau und dem 1932 geborenen Sohn Max (Maximilian Rudolf) wegen des bevorstehenden Konkurses der "Novalis-Bücherstuben" Stuttgart und übersiedelte nach Prag, wo er als freischaffender Musiker, Komponist, Pädagoge und Journalist lebte. Er arbeitete als Volkshochschul- und Rundfunkmitarbeiter und engagierte sich in Leo Kestenbergs "Internationaler Gesellschaft für Musikerziehung" und in den deutschen und tschechischen Musikervereinigungen der Stadt. Zwischen 1935 und 1937 besuchte er Alois Hábas Kurse für Vierteltonkomposition. Bemühungen um eine Kapellmeisterstelle in Ankara (Türkei) und am Neuen Deutschen Theater, seiner früheren Wirkungsstätte, scheiterten.


Zweimal wurde Ullmann für sein kompositorisches Schaffen mit dem Hertzka-Preis, einer mit 400 österreichischen Schilling dotierten Auszeichnung aus der Stiftung Emil Hertzkas, des ehemaligen Direktors der Wiener Universal Edition, geehrt: 1934 für die Orchesterfassung der Schönberg-Variationen, und 1936 für die Oper Der Sturz des Antichrist (komponiert in Prag 1935, Libretto Albert Steffen). Versuche, diese Oper in Prag und Wien aufzuführen, blieben allerdings erfolglos.


1937 machten psychische Probleme (Schlaflosigkeit, Depressionen, Verfolgungswahn) Aufenthalte in verschiedenen Sanatorien notwendig; eine Besserung trat erst nach der Behandlung in einer anthroposophischen Klinik ein. Ullmann schrieb als Dokument seiner Selbstheilung "Der fremde Passagier. Tagebuch in Versen".


Im Sommer 1938, nach der Uraufführung des 1936 entstandenen 2. Streichquartetts auf dem Londoner Musikfest der IGNM, hielt er sich noch einmal für etwa zwei Monate in Dornach auf und erlebte dort wahrscheinlich die Gesamtaufführung des Faust I und II von Goethe. Dokumentiert ist seine Mitwirkung als Klaviersolist und Liedbegleiter bei einem Konzert, das am 5. August 1938 nach der zum Abschluss der alljährlichen Sommertagung gebotenen Faust-II-Aufführung im Goetheanum stattfand. Am 15. August kehrte er nach Prag zurück. Anlässlich des Todes seines Vaters reiste er im März 1939 (nach 1938 vollzogenen "Anschluss" Österreichs) nach Wien.


Nach der Errichtung des "Reichsprotektorats Böhmen und Mähren" auf dem Territorium der Tschechoslowakei am 15. März 1939 wurden öffentliche Aufführungen der Werke Ullmanns unmöglich. Ullmann schickte nach Beginn der Judenverfolgung seine Kinder Johann und Felicia im Rahmen eines Programms zur Rettung jüdischer Kinder nach England. Er bemühte sich außerdem in drei Briefen an seinen in Südafrika lebenden Freund Josef Travnicek intensiv, aber vergeblich um eine Ausreise nach Südafrika; Travnicek riet ihm, in Prag zu bleiben. Ullmann begann damit, Werke im Selbstverlag zu veröffentlichen; am Anfang der Serie standen die Schönberg-Variationen op. 3a und die 2. Klaviersonate op. 19.


1941 wurde Ullmann von seiner zweiten Frau Anna geschieden. Wohl auch, um wenigstens für kurze Zeit Transporten von Prager Juden  nach Lodz zu entgehen, bei denen bevorzugt Staatenlose und Ledige deportiert werden, heiratete er am 15. Oktober Elisabeth Frank-Meissl, mit der er seit Ende 1940 zusammengelebt hatte.


Am 8. September 1942 wurden Ullmann, seine Frau Elisabeth (zusammen mit einer Tochter aus deren erster Ehe) und seine erste Frau Martha in das KZ Theresienstadt deportiert. Vorher übergab Ullmann einen vollständigen Satz von Drucken seiner im Selbstverlag erschienenen Werke seinem Freund Alexander Waulin, einem Komponisten und Musikjournalisten russischer Herkunft, der unter seiner Anleitung 1936/37 den Klavierauszug zu seiner Oper Der Sturz des Antichrist angefertigt hatte. Waulin gab diese Drucke 1965 an die Karls-Universität in Prag weiter.


Martha Ullmann wurde bereits einen Monat später nach Treblinka gebracht. Schon im Mai 1942 war Ullmanns zweite Frau Anna mit den Söhnen Max und Paul nach Theresienstadt deportiert worden; Paul starb 1943 in Theresienstadt, Anna und Max wurden im Oktober 1944 nach Auschwitz gebracht.


In Theresienstadt gehörte Ullmann mit Hans Krása, Gideon Klein und Rafael Schächter zum führenden Kreis in der musikalischen Sektion der "Freizeitgestaltung". Er spielte in den dortigen Konzerten Klavier und prägte als Interpret, Kapellmeister, Kritiker, Leiter des "Studios für Neue Musik", Organisator des "Collegium musicum" und als Komponist das Musikleben in Theresienstadt entscheidend mit. Über 20 Werke entstanden in dieser Zeit, darunter das 3. Streichquartett (1943), die 5., 6. und 7. Klaviersonate (1943/44), zahlreiche Lieder, die Oper Der Kaiser von Atlantis oder Die Tod-Verweigerung (1943/44) und das Melodram Die Weise von Liebe und Tod des Cornets Christoph Rilke (1944).


Am 16. Oktober 1944 wurden Viktor und Elisabeth Ullmann gemeinsam mit zahlreichen weiteren Mitgliedern der "Freizeitgestaltung", unter ihnen Pavel Haas, Gideon Klein, Hans Krása, Peter Kien und Karel Ancerl (der als einziger aus dieser Gruppe überlebt), nach Auschwitz deportiert, wo sie zwei Tage später ermordet wurden. Zuvor gelang es Ullmann, die Manuskripte der in Theresienstadt entstandenen Werke, mit Ausnahme des Manuskripts zur "Bühnenmusik zu einem Francois-Villon-Spiel" (uraufgeführt am 20. Juli 1943 und etwa vierzig Mal aufgeführt), an den Leiter der Theresienstädter Bibliothek, Prof. Emil Utitz zu übergeben, um sie vor der Vernichtung zu bewahren. Prof. Utitz übergab sie entsprechend Ullmanns Bitte nach dem Krieg an Dr. Hans Günther Adler, der sie 1987 dem Goetheanum in Dornach anvertraute. Von dort gingen sie 2002 an die Paul-Sacher-Stiftung in Basel.


 Viktor Ullmann Foundation: www.viktorullmannfoundation.org.uk