Nikolaj Andrejewitsch Roslawez

Nikolaj Andrejewitsch Roslawez

* 4. Januar 1881
† 23. August 1944
Herkunftsland: Russland

In Kürze:

1. Sonate
23. April 2014 | Musikhochschule - Freiburg i.Br. - Deutschland

Profil

Nikolaj Roslawez wurde am 23. Dezember 1880 im früheren Tschernigow-Gouvernement Russlands, vermutlich in dem Ort Surazh geboren. Roslawez schloss sein Studium der Komposition bei Sergej Wassilenko, das Studium der Musiktheorie bei Alexander Iljinski und Michail Ippolitow-Iwanow und sein Violinstudium bei Iwan Grzhimali am Moskauer Konservatorium im Jahr 1912 ab. Seine Diplomarbeit wurde mit der großen Silbermedaille ausgezeichnet.

Stilistisch war Roslawez anfänglich von Aleksandr Skrjabin, teilweise auch von den "modernen Franzosen" inspiriert. Er löste sich jedoch bald von deren Einflüssen und grenzte sich ihnen gegenüber ab. Er hatte auf der Suche nach seiner ureigenen Tonsprache sein "neues System der Tonorganisation" und das Prinzip des "Synthetakkords" entwickelt. Diese werden nicht selten mit Arnold Schönbergs Zwölftontechnik verglichen. Roslawez‘ Grundsätze sind jedoch völlig unabhängig von Schönbergs Ideen ausgearbeitet worden. "Synthetakkorde" sind spezielle, für konkrete Werke ausgewählte Tonkomplexe, die in meisten Fällen aus sechs bis zehn Tönen bestehen und ähnlich einer "Superformel" verschiedenste Parameter jedes konkreten Werks bestimmen.

Die Bezeichnung "Synthetakkord" von Skrjabin unterstreicht Roslawez zufolge den synthetischen Charakter seiner Technik, die alle Errungenschaften der Klassik und Romantik, der Polytonalität und der Ultrachromatik zusammenfasst. Roslawez formte dieses System in den Jahren 1909 bis 1919. Muster davon finden sich in Traurige Landschaften (1913), in den Drei bzw. Vier Kompositionen für Gesang und Klavier (1913/14), im Ersten Streichquartett (1913), in der Ersten und Zweiten Violinsonate (1913 bzw. 1917) sowie der Ersten und Zweiten Klaviersonate (1914 bzw. 1916). In dieser Zeit experimentierte Roslawez auch mit neuen Orchesterklangfarben: In der symphonischen Dichtung In den Stunden des Neumondes (vermutlich 1912/13) spielt die Klangfarbe eine konstruktive Rolle, die der motivisch-thematischen Arbeit gleichberechtigt ist. Auch die Kammermusik dieser Zeit zeichnet sich durch ein raffiniertes Klanfarbengespür aus. In der Rhythmik und Metrik dieser experimentellen Werke spielen tradierte Prinzipien fast keine Rolle mehr.

Noch vor der Revolution trat Roslawez als freischaffender Komponist und Musikkritiker in Moskau auf und schloss sich dem Kreis der "Zeitgenossen" um Wladimir Derzhanowskij, Leonid Sabanejew, Nikolaj Mjaskowski u.a., einem Kern der zukünftigen Assoziation zeitgenössischer Musik (ASM), an.

Nach der Februarrevolution von 1917 trat er in die nicht-marxistische Partei der Sozialisten-Revolutionären (SR) ein, 1918 den "Volkstümmlern-Kommunisten". 1921 verließ Roslawez die Partei. Die engsten Kontakte zur SR-Partei, die durch Bolschewiken verboten und vernichtet wurde und in der Roslawez eine führende Rolle spielte, musste der Komponist verheimlichen.

In den 1920er Jahren war Roslawez einer der ASM-Führer, der sich gleichermaßen eifrig für die Verbreitung der Neuen Musik wie für die Bewahrung klassischer Traditionen einsetzte. Er wandte sich mit Werken wie der Kantate Der Oktober (1927) und der symphonischen Dichtung Komsomolija (1928) der "monumentalen Propaganda" zu. Zugleich arbeitete er weiter an seinem "neuen System" und erforschte Prinzipien des Kontrapunkts, der Rhythmik und der Formgestaltung.

Seine Tätigkeiten wurden von sogenannten "proletarischen Musikern", die in direkter Verbindung zur KP und Geheimpolizei standen, als "formalistisch" und "klassenfeindlich" angegriffen und denunziert. Schließlich wurde Roslawez ein Berufsverbot auferlegt. 1931 verließ er Moskau und zog nach Taschkent, um dort als Dirigent, Komponist und Leiter der Musikabteilung des Musiktheaters zu arbeiten.

Solche Werke wie das Erste Violinkonzert (1925), die Kammermusikkompositionen für verschiedene Besetzungen kenntzeichnet ein Hang zum Monumentalen sowie eine gewisse Vereinfachung der Tonsprache, typisch für das so genannte "akademische Neuerertum". Das Schaffen der 1930er Jahre erreicht einen Höhenpunkt in der Kammersymphonie (1934/35), in der der Komponist klassische und moderne Prinzipien auf neue Weise verbindet. Etliche Werke dieses Jahrzehnts zeigen ein Nachlassen der schöpferischen Aktivität und den ideologisch bedingten Zwang, in einer ihm fremden Manier zu schreiben. Unter den späten Kompositionen ragen die Sechste Sonate bzw. 24 Präludien für Violine und Klavier (1941/42)sowie das Fünfte Streichquartett (1941) hervor.

1933 war Roslawez nach Moskau zurückgekehrt, wo er sich als Tagelöhner über Wasser hielt. Als "Volksfeind" gehörte er so bis zu seinen letzten Lebensjahren mehrere Jahrzehnte lang zu den verfemten Komponisten Russlands.

Nikolaj Roslawez starb am 23. August 1944 in Moskau.