Pollicino

Komponist: Hans Werner Henze
Librettist: Giuseppe Di Leva
Dichter der Textvorlage: Carlo Collodi - Gebrüder Grimm - Perrault
Deutsche Textfassung: Hans Werner Henze

Märchen für Musik von Giuseppe di Leva nach Collodi, Grimm und Perrault

Deutsche Fassung von Hans Werner Henze

Uraufführung: 2. August 1980 Montepulciano (I) 5° Cantiere Internazionale d'Arte 1980 · children and adults from Montepulciano and the Montepulciano area · Dirigent: Jan Latham-Koenig · Concentus Politianus · Inszenierung: Willy Decker · Kostüme: Marion Gerretz · Bühnenbild: Peter Nagel
Orchesterbesetzung: 3 Piccoloblfl. · 3 Sopranblfl. · 2 Altblfl. · Tenorblfl. · Bassblfl. · Fl. · Tenorkrummhr. (auch 2. Tenorblfl.) · Basskrummhr. - P. S. (Sopran-Glsp. · Alt-Glsp. · Alt-Metallophon · Sopr.-Xyl. · Sopr.-Alt-Xyl. · Bass-Xyl. · Handgl. · Tischgl. · Fingerzimb. · 3 Rahmentr. · 2 Trgl. · 3 hg. Beck. · Beckenpaar · Wassergong · Tamt. [od. Metallpl.] · Schellentr. · Mil. Tr. · gr. Tr. mit Beck. · Mar. · Kast. · Schüttelrohr · chin. Holzbl. · Matraca · Trinidad steel dr. [od. Altmetallophon] · Flaschen · Gläser) (5 Spieler) - Mundharmonika (od. Harm.) - 2 Git. · Harm. (od. elektr. Org.) · Klav. · 3 Streichpsalter (SAT) - Str. (Solo-Vl. · mind. 3 Vl. · Vc. · Kb.)
Personenbesetzung: Kinderstimmen: Pollicino - seine 6 Brüder - Clotilde, Tochter des Menschenfressers - ihre 6 Schwestern - Herr Uhu - Frau Waldkauz - Madame Füchslein - Fräulein Hase - Mister Igel - Monsieur von Wildsau - Erwachsenenstimmen: Herr Wolf - Pollicinos Vater - Pollicinos Mutter - der Menschenfresser - seine Frau
Verlag: Schott Music
Aufführungsdauer: 85' 0''
Kompositionsjahr: 1979/1980
Sprache: italienisch - deutsch - englisch
Aufführungsmaterial - leihweise

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Beschreibung

Pollicino und seine sechs Brüder leben mit ihren Eltern in ärmlichen Verhältnissen. Der Vater ist Holzfäller und hat seit Monaten kein Geld mehr verdient; er kann die Familie nicht mehr ernähren. Er und seine Frau beschließen, die Kinder im Wald auszusetzen. Der erste Versuch scheitert jedoch dank der Wachsamkeit Pollicinos, der die Eltern belauscht hatte und den Weg im Wald mit Kieseln markiert hat. Als er und seine Brüder nach Hause zurückkommen, hat der Vater inzwischen seinen Lohn erhalten und alles scheint sich zum Guten zu wenden. Das Glück währt jedoch nicht lange und schon bald finden sich die Kinder wieder allein im Wald, ohne dass Pollicino diesmal vorsorgen konnte. Die Tiere des Waldes helfen ihnen und verraten ihnen, dass in der Nähe ein Haus versteckt liegt; der Wolf führt Pollicino und seine Brüder dorthin. Unglücklicherweise gehört das Haus einem Menschenfresser, der dort mit seiner Frau und seinen sieben Töchtern lebt. Er will die Knaben sofort fressen, lässt sich jedoch von seiner Frau, die die Knaben liebgewonnen hat, überzeugen, das Festmahl auf den nächsten Tag zu verschieben. Die Knaben werden in eine Kammer gesperrt, in der die sieben Töchter leben. Clotilde, die älteste der Töchter, verrät Pollicino, dass sie und ihre Schwestern schon lange von Zuhause weglaufen wollten. Gemeinsam setzen die Kinder diesen Plan in die Tat um. Sie haben es fast geschafft, aus dem Wald zu entkommen, als ihnen ein reißender Fluß den Weg versperrt. In gemeinsamer Anstrengung und mit der erneuten Hilfe der Waldtiere schaffen sie es, den Fluss zu überwinden; dabei stellen Pollicino und Clotilde fest, dass sie sich ineinander verliebt haben. 

„Wenn die Kinder schauspielern, singen und musizieren, erzeugen und hören sie Klänge, denen sie später wieder begegnen werden, in Konzertsälen, hoffentlich auch in Opernhäusern: Klänge unserer Zeit. Musizierend und singend akzeptieren sie, was andere als ungewohnte Töne empfinden, als eine natürliche Tatsache, als einen Teil unserer Realität.” (Hans Werner Henze)

Hans Werner Henze hat mit seiner Kinderoper Pollicino dem Musiktheater ein Werk geschenkt, das seit seiner Uraufführung (in der Regie von Willy Decker) mit Inszenierungen u.a. an der Royal Covent Garden Opera, bei den Schwetzinger Festspielen, in Rotterdam, Mannheim, Hannover, Pavia, an der Wiener Volksoper, in Nürnberg, Rostock, Dresden und in einer Vielzahl von Schulaufführungen schon zum „Klassiker” geworden ist. Geschrieben für den „Concentus Politianus”, ein aus 15 Kindern bestehendes Instrumentalensemble, sollen die Rollen der Kinder und Tiere auch wirklich von Kindern gesungen und gespielt werden. Einzig die Erwachsenenrollen (Elternpaar, Menschenfresserpaar, Wolf) sind erwachsenen Sängern vorbehalten. Gleiches gilt für das Orchester: bis auf Klavier, Harmonium und die konzertante Violine, die „von Lehrkräften oder anderen Erwachsenen gespielt werden”, spielen Kinder „Instrumente, die dem Anfang 1979 gegründeten Concentus Politianus zur Verfügung stehen: Blockflöten, Gitarren, ein paar Violinen, dazu die Instrumente des ‘Orff-Schulwerks’.” (Hans Werner Henze)

Henze verarbeitet die unterschiedlichsten formalen Elemente der Oper wie Arie, Duett, Ensemble, der Orchester- bzw. Ballettsuite und orchestrale „Charakterstücke” wie beispielsweise Marsch, Walzer, Tango. Er weist den Instrumenten dabei ganz klare musik-psychologische Funktionen zu: die Blockflöten beispielweise symbolisieren mit ihren irisierend-schwebenden Klängen die Seelen der Kinder, die konzertante Violine steht für die die Fabel erzählende Großmutter, das Harmonium verkörpert die verlogene Welt der Erwachsenen, die Gitarre versinnbildlicht Naturempfinden und Ursprünglichkeit.
Pollicino ist dabei weit mehr als nur eine Paraphrase der in vielen Märchentraditionen verankerten Däumlingsgeschichte. ”Über eine naive Märchenoper à la Humperdinck geht Henze durch die Einbeziehung gesellschaftskritischer Aspekte weit hinaus. Die Armut der Holzfäller wird nicht als gottgegebenes Schicksal geschildert, sondern als Folge sozialer Ungerechtigkeit. Wenn im Finale des 5. Bildes in der Art einer Bert Brechtschen Parodie die Eltern und Kinder das Lied ‘Wie schön ist doch die Familie’ anstimmen, wird unmißverständlich klar, dass die zur Schau gestellte Einigkeit durch und durch brüchig ist. Auch im 7. Bild entkleidet Henze das Märchen jener Aura, die durch die Worte ‘Es war einmal’ eingefangen wird: Dort zeigt sich nämlich, dass die Menschenfresser auf der Höhe unserer Zeit sind, nicht nur über ein Telefon verfügen, sondern sogar gewerkschaftlich organisiert sind und keine Bedenken haben, ihre organisierte Macht gegen die Regierung einzusetzen.” (Norbert Christen, Pipers Enzyklopädie des Musiktheaters, Bd. 3, s.v. Pollicino)

Aufnahmen

Pollicino  (2007)

Hans Werner Henze

Johannes Sorg (Dirigent) · Frank Martin Widmaier (Regie) · Patricia Walczak (Ausstattung) Eine Produktion der Musikschule Calw für die Klosterspiele Hirsau 2003
BAYER RECORDS BR 501 001
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Aufführungen

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