Werk der Woche - Atsuhiko Gondai: Decathexis

Die amerikanische Erstaufführung von Atsuhiko Gondais Decathexis findet am 14. Dezember in der New Yorker Carnegie Hall statt. Von dem weltberühmten Konzerthaus und dem Saito Kinen Festival Matsumoto hatte der japanische Komponist den Auftrag für das Orchesterwerk erhalten, das nun im Rahmen von JapanNYC durch das Saito Kinen Orchestra unter der Leitung von Tatsuya Shimono aufgeführt wird. Das New Yorker Festival widmet sich neben klassischen Konzerten u.a. dem traditionellen japanischen Nō-Theater, Butoh-Tanz, Manga- und Pop-Art-Austellungen sowie dem japanischen Film.

Der ungewöhnliche Titel des Werkes ist eigentlich ein Begriff aus der Psycholoanalyse. Nach Freud beschreibt Kathexis das Maß an mentaler und emotionaler Energie, die in eine Person, Idee oder ein Objekt investiert wird, während Dekarthexis deren Rücknahme meint. Atsuhiko Gondai interpretiert die Bedeutung seines Werktitels hingegen vor einem weiteren, philosophisch-religiösen Horizont:

Decathexis beschreibt den Weg, den man gehen muss, um das Nirwana zu erreichen – also die Abkehr von allen irdischen Leidenschaften, von allen Beziehungen – sowie das Bewußtsein, dass Ewigkeit und Universum verschmelzen, wenn man die Beschränktheit des Körpers überwindet.

Unendlichkeit und Ewigkeit sind immer wiederkehrende Themen in Gondais Kompositionen, die zum Teil von seiner Zusammenarbeit mit dem buddhistischen Priester Shomyo inspiriert sind. In Decathexis ist das Suchen nach dem Zustand der Ewigkeit u.a. durch die spezielle Gestaltung der Metrik symbolisiert. Das komplette Stück ist von regelmäßigen Taktwechseln geprägt: Die Zahl der Schläge pro Takt bewegt sich stets sukzessive zwischen 1/8 und 8/8 – anwachsend oder abfallend. Zum leisen Ende des Werkes (im fünfachen p!) wird ein 13/8 Takt erreicht, während sich die Violinen in immer hörere Regionen bewegen und schließlich auf einer langen Fermate zum Stillstand kommen.  

 

(13.12.2010)



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