Werk der Woche - Benjamin Schweitzer: nach Hause

Am 7. Oktober findet in den Sophiensælen in Berlin die Uraufführung von Benjamin Schweitzers Ballett nach Hause statt. Das Anubis-Trio, bestehend aus einem Flötisten, einem (Kontra-)Bassklarinettisten und einem Bratschisten, bildet den musikalischen Gegenpart zu den drei Tänzern Emma Wilson, Ehnd Darash und Rodrigo Sobarzo, die nach einer Choreographie von Martin Nachbar tanzen. Gefördert wird das Projekt durch den Hauptstadtkulturfond Berlin. Das Ballett basiert auf die wahre Geschichte um den Polarforscher Salomon Andrée, der mit seinen zwei Kollegen Nils Strindberg und Knut Frænkel auf einer Expedition mit einem Wasserstoffballon zum Nordpol im Oktober 1897 ums Leben kam.

Der Titel des Balletts geht zurück auf die letzte Zeile des Expeditionstagebuchs von Andrée, die mit "nach Hause 7 Uhr morgens..." beginnt. "Nach Hause", das war wohl auch der einzige Wunsch, den drei Expeditionsteilnehmer zum Zeitpunkt des Eintrags noch hatten, denn ihre einst so zuversichtliche Forschungsreise endete mit einem fatalen Ende im Ewigen Eis.

Am 11. Juli 1897 starteten Salomon August Andrée, Nils Strindberg und Knut Frænkel ihre schicksalsträchtige Odysse mit dem Wasserstoffballon Ömen (dt. Adler). Die geplante Route begann in Spitzbergen, sollte über den Nordpol verlaufen und – je nach Wind – in Alaska, Kanada oder Russland enden. Das optimistische Vorhaben hatte neben dem Wunsch wie Norwegen, Deutschland oder Frankreich auch wissenschaftliche Errungenschaften für Schweden im Bereich der Polarforschung zu erlangen, die Absicht, das überflogene Gebiet kartografisch mit Luftbildern auszuwerten. Doch schon gleich zu Beginn traten ernsthafte Probleme mit den Schleppseilen ein, die eine Steuerung des Ballons unmöglich machten. Nachdem sie nur ein Drittel ihrer Strecke erreicht hatten mussten die drei Teilnehmer nach weiteren Ausfällen und Schwierigkeiten mit dem Wetter am 14. Juli um 7:30 auf 82°56' nördlicher Breite notgedrungen landen und die Expedition zu Fuß fortsetzen. Es dauerte drei Monate bis sie die Insel Kvitøya erreichten und dort den Folgen ihrer Strapazen erlagen. Dreißig Jahre später wurden ihre Überreste gefunden. Über 200 Fotografien, sowie Andrées Tagebucheinträge geben Aufschluss über den Verlauf der Expedition.

Das einstündige Ballett nach Hause nimmt das Expeditionstagebuch als Vorlage. Dabei entstehen viele Parallelen zwischen der Expedition und dem Tanz selbst. Der Ballonflug stellt nicht nur den Sieg des Menschen über die Natur dar, indem er sich in die Lüfte erhebt, sondern er weist auch auf ein wichtiges Element des Tanzes hin: den Versuch, der Schwerkraft zu entkommen und die Grenzen von Raum und Zeit zu überwinden. Beide Aspekte enden mit dem Er- bzw. Einfrieren: das Erstarren der Bewegung symbolisiert den Tod des Menschen.

Für diese Produktion arbeiten der Komponist Benjamin Schweitzer und der Choreograph Martin Nachbar eng miteinander, um die Ziele, die sie schon während ihrer ersten Zusammenarbeit 2004 zu anordnen/verschieben anstrebten, weiter zu verfolgen. Musik und Tanz sollen nicht antagonistisch, sondern parallel und miteinander verlaufen; für die Technik sind sowohl Improvisation wie auch festgesetzte und präzise ausgeführte Elemente vorgesehen. Das Bühnenbild sparsam ausgestattet und in neblig-milchigem Weiß gehalten. Weitere Aufführungen finden am 8., 9., 12. und 13. Oktober in den Sophiensælen in Berlin statt. Nach der letzten Vorstellung ist ein Publikumsgespräch geplant.  

(06.10.2010)



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