Carsten Gerlitz über seinen Berufsalltag und seine Musik - Interview

Carsten Gerlitz arbeitet als Musiker, Arrangeur und Autor für verschiedene Verlage und Labels. Seine Klavier- und Chorarrangements sind inzwischen in über 140 Publikationen erschienen. Mit mds (music distribution services GmbH) sprach er über seinen Berufsalltag und seine Musik:

 

mds: Wie sieht Ihr Arbeitsalltag als Arrangeur aus?
Carsten Gerlitz: Dem Arrangeur ist nichts zu schwör.... nach dem Frühstückmachen für die Kinder geht es um 8 Uhr los. Gerne spiele und übe ich etwas Klavier oder gehe laufen. Da kommen immer gute Ideen, die dann am Schreibtisch aufgeschrieben werden. Alles ganz traditionell mit Bleistift und Papier. Den Notensatz macht ein Freund oder Setzer. Ich finde das erwähnenswert, da heute oft von den Arrangeuren auch gleich der fertige druckfähige Satz erwartet wird. Dabei war das bis vor einigen Jahren eine eigene Zunft – zu Recht! Denn wenn es gut werden soll, ist und bleibt das eine große Aufgabe, ein eigenständiger Beruf!
 
mds: Arrangieren Sie ausschließlich oder komponieren Sie auch und wo liegen Ihre Präferenzen?
Carsten Gerlitz: Das sind ja oft fließende Übergänge. Aber die spannende Herausforderung ist immer das (Er-)Finden einer neuen „Verpackung“ für eine bestehende Melodie. Da gilt es den Kern freizulegen, vielleicht einzelne Bestandteile herauszustellen und dann alles mit eigenen Ideen neu zusammen zu bauen. Bei den LOUNGE-Stücken geht es mehr um die Frage, wie würde ich das persönlich am Klavier spielen wollen und das dann reduziert auf einen praktikablen Klaviersatz. Bei Arrangements für Musicals oder Orchester gibt es wieder andere Zielpunkte, Dramaturgie bedingt. Es ist im Grunde etwas wie die verschiedenen Dialekte einer Sprache...
 
Hin und wieder komponiere ich auch etwas. So entstanden einige Vertonungen für Chor von Hesse- und Rilketexten. Auch im Popmusikbereich habe ich einiges ersonnen, leider bisher keinen Welthit – aber die meiste Zeit geht für das Arrangieren drauf.
 
mds: An welchem Projekt arbeiten Sie aktuell und mit wem arbeiten Sie zusammen?
Carsten Gerlitz: Die Schott Piano Lounge zum Thema Jazz Standards ist gerade fertig geworden. Das war eine tolle Arbeit – machte viel Spaß. Wenn die Noten geschrieben sind geht es immer um die CD und da hört man dann gleich - mit Abstand -  ob es funktioniert.
Daneben arrangiere ich zur Zeit für ein neues Musical. Und es gibt immer wieder Chorstücke zu schreiben. Für meine „Disharmonists“ aber auch für viele Chöre, die ein Arrangement „nach Maß“ wollen. Für den MDR-Kinderchor schreibe ich im Frühling ein neues Programm. Das spielen wir dann auch live.
 
Musik mache ich in letzter Zeit viel mit den eigenen Kindern: Mein Sohn (9) spielt Schlagzeug, meine Töchter (12 und 15) Saxophon und Klavier und ich habe mir zu Weihnachten einen E-Bass geschenkt... und dann rocken wir das Haus. Aber auch immer wieder mit befreundeten Jazzern aus Berlin und verschiedenen Formationen.
 
mds: Wie kam es zu Ihrer Vorliebe für Chormusik?
Carsten Gerlitz: Der Leistungskurs Musik, den ich in Berlin-Hermsdorf besuchte, hatte eine sing-versessene Lehrerin, Almut Zirr. Das prägte! Wir sangen den „Kaktus“ und „Veronika“ und nach dem Abitur beschlossen einige aus diesem Kurs als Chor weiter zu machen. Das war vor 25 Jahren! Und seit dem treffen wir uns jeden Sonntag und proben. Nun gab keine Chorleiterin mehr und auch keine Noten (damals gab es gar nichts in Sachen Popchor zu kaufen) - also habe ich angefangen zu arrangieren und auch die Proben zu leiten. Ich vermute, die Happy Disharmonists waren 1985 der erste Popchor dieser Art in Deutschland. Unser Motto war jahrelang „Chor, einmal anders“ – inzwischen singen ja die meisten Chöre Pop und Jazz, aber damals war das Avantgarde.
 
mds: Sie haben Musik und Informatik studiert. Welche Beweggründe gab es für diese ungewöhnliche Mischung und profitieren Sie nun bei Ihrer Arbeit davon?
Carsten Gerlitz: Als Schulmusiker musste ich irgendwann ein zweites Fach beginnen. Ich habe das lange verdrängt, da ich sowieso nie in die Schule wollte. Aber die Uni hat gemahnt und gemeckert. Also dachte ich: Informatik, ich sitze eh im Studio vor dem Rechner... das passt. Aber das war ein dickes Brot! Informatik macht man nicht nebenbei. Es ist zwar sehr kreativ, Lösungen für „Probleme“ zu entwickeln, aber so ganz mein Herz wollte ich dann da doch nicht verlieren. In der Uni war ich etwas ein Sonderling mit dieser Mischung (Musik und Informatik). Die Professoren fanden das, glaube ich, sexy und waren mir wohlgesonnen – zum Glück! Ich habe ihnen dafür beim Examen versprochen, nie Informatik an einer Schule zu unterrichten. Das entwickelt sich auch so fix... wer da nicht mit der Zeit geht, der geht mit der Zeit.
 
mds: An welchen Kompositionen haben Sie sich als Interpret die Zähne ausgebissen?
Carsten Gerlitz: Ich hatte als Examensstück die Rhapsody in Blue. Da gibt es eine sehr schwere Stelle drin. Aber: Es gibt eine Live-Aufnahme von Gershwin selbst und da greift er auch mächtig in den Wald. Das hat mich sehr beruhigt. Ansonsten gibt es ja immer mal bissige Stellen, in fast jedem Stück. Mein Klavierprof zeigte mir die Fingerübungen von Brahms... sehr bissig! Aber dufte! Und: die Zähne sind noch alle drin...
 
mds: Was zeichnet Ihre Arrangements aus und wie unterscheiden sie sich von anderen?
Carsten Gerlitz: Das sollen mal andere sagen – ich versuche jedenfalls immer harmonische „Wärme“ zu suchen (was wäre diese Welt ohne Noten!), es soll alles mach- sing- und spielbar sein und gerade in Ensemblestücken wie auch Chor soll sich die Führungsrolle abwechseln. Wie glücklich ist der Fagottist, wenn er mal ein Solo hat, oder im Chor der Alt!
 
mds: Bieten Sie auch Workshops zu Ihren Produkten an?
Carsten Gerlitz: Ja. Ich mache regelmäßig Chorleiterworkshops und werde auch von Chören eingeladen. Dann putzen wir Vorhandenes und kochen Neues an. Das ist immer spannend, da  jeder Chor ganz individuell anders singt und groovt. Aber Sänger sind nette Leute – solche Workshops sind immer Balsam!
 
(Das komplette Interview erscheint im mds journal 03/2010)
 
(19.03.2010)



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