Werk der Woche - Aribert Reimann: Medea

Eine große Uraufführung steht am kommenden Sonntag, dem 28. Februar 2010 an: Die Wiener Staatsoper präsentiert Medea von Aribert Reimann. Nach Bernarda Albas Haus wird damit seit 10 Jahren erstmals wieder eine Oper des als wichtigsten Opernkomponisten der Gegenwart geltenden Reimann aus der Taufe gehoben. In der Inszenierung von Marco Arturo Marelli dirigiert Michael Boder die Wiener Philharmoniker. In der Titelpartie ist Marlis Petersen zu erleben.

Aribert Reimanns Oper setzt in der Rezeptionsgeschichte des Medea-Mythos neue, wesentlich moderne Akzente. Das Geschehen wird von zwei Faktoren vorangetrieben: zunächst von Medeas extrem empfundener Fremdheit, ihrer Andersartigkeit und ihrer Ablehnung durch die Gesellschaft, die sie schließlich ausweglos in die Katastrophe und den Kindermord treibt. Bevor Medea ihren unwilligen Gastgebern Kreon und Kreusa entgegen tritt, verlangt Jason von ihr, das Kopftuch abzulegen. "Nimm (an) die Tracht unseres Landes“, fordert er, aber nicht nur das, sondern darüber hinaus die Aufgabe ihrer Persönlichkeit und - als sich dies als unmöglich erweist - die Herausgabe der Kinder. Doch um buchstäblich keinen Preis wird Medea ihre Söhne einer anderen Frau überlassen.

Als zweites Hauptthema wählt Reimann für sein Libretto das Motiv des ungerechtfertigten Besitzes und die Wiederherstellung des Rechts: Medea, deren letztes Lebensunterpfand das goldene Vlies ist, bringt das von Jason geraubte Banner am Schluss der Oper zurück an seinen rechtmäßigen Ort Delphi. Nur in Grillparzers Drama von 1819, in keinem anderen Rezeptionsstrang des Mythos, findet sich diese Wendung, die Reimann angesichts vieler heute noch ungeklärter Fragen um rechtswidrige Enteignung, um Verbleib oder Rückgabe von Beutekunst höchst aktuell erscheint.

Reimann konzentriert sich auf wenige Stunden im Leben der Medea, ihre erste Begegnung mit Kreon und Kreusa nach der Ankunft in Korinth, den Mordvorwurf, den Streit um die Kinder und schließlich den mörderischen Brandanschlag. Die Oper ist in zwei Teile untergliedert, die aus je zwei Bildern bestehen. Zwischen die beiden Bilder ist jeweils ein instrumentales Zwischenspiel eingefügt. Die Konzentration der Handlung auf das psychische Drama der weiblichen Hauptfigur drückt sich auch in der Wahl der musikalischen Mittel aus. Stärker als in früheren Opern kommt Reimann in dieser Oper immer wieder zu einer dichten, kammermusikalischen Satzweise zurück, in der sich jedes Detail streng aus dem Vorherigen ergibt. Gleich die erste Szene enthält das gesamte musikalische Material; ein musikalischer Nukleus, aus dem sich alles weitere entwickelt.

Interview mit Aribert Reimann und Marlis Petersen beim Wiener Opernball:

(22.02.2010)



Weitere News der Rubrik Werk der Woche
News-Suche  Artikel weiterempfehlen

Newsletter

Abonnieren Sie unseren Newsletter