Orff-Uraufführung nach 97 Jahren: Gisei - Das Opfer

Am 30. Januar wird die Oper Gisei - Das Opfer von Carl Orff uraufgeführt. Das Staatstheater Darmstadt bringt das Werk damit 97 Jahre nach seiner Entstehung erstmals auf die Bühne; Regie führt John Dew - die musikalische Leitung übernimmt Generalmusikdirektor Constantin Trinks.
Carl Orff war von frühester Jugend an fasziniert von Japan und seiner Kultur, vor allem von der Literatur und von Bunraku, dem japanischen Figurentheater. Seine lebenslange Begeisterung für Kabuki- und No-Theater hat in vielen seiner Werke Spuren hinterlassen. Besonderes Interesse galt dem Stück „Terakoya No Dan“: Dieser Akt eines insgesamt achtstündigen Historiendramas diente Orff als Grundlage für sein erstes eigenes Bühnenwerk Gisei – Das Opfer, das er 1913 im Alter von siebzehn Jahren komponierte.
Der fremde Stoff inspirierte den jungen Komponisten zu einer Musiksprache der Synthese zwischen musikalischem Exotismus und europäischer Musiktradition. In einem Vorspiel beklagen zwei Gestalten, ein Mann und eine Frau, den Opfertod ihres Kindes. Die Geschichte der durch ein unabwendbares Schicksal herbeigeführten Tötung des Knaben Kotaro wird in der anschließenden Haupthandlung wie in einer filmischen Rückblende erzählt.
Zu Lebzeiten hatte Orff die Aufführung untersagt, weil er fürchtete, Musik und Sujet seien zu schnell nicht mehr zeitgemäß, ein Zeichen des ästhetischen Fortschrittsdenkens des Expressionismus. Umso aufregender ist es, dass dieses Jugendwerk nun nach fast hundert Jahren endlich uraufgeführt wird. Das Staatstheater Darmstadt hat sich dieser Aufgabe angenommen. Von der frühen Oper Gisei lässt sich ein Bogen zum Spätwerk Orffs schlagen, in dem er häufiger auf japanische Instrumente zurückgreift, die er während der Entwicklung des Orff-Schulwerks in Japan kennen gelernt hatte.
Seinem ersten Bühnenwerk stellt das Staatstheater Darmstadt das letzte Bühnenwerk Orffs gegenüber: De temporum fine comoedia aus dem Jahr 1973. Mit diesem philosophisch reichen Werk zog Orff zugleich den Schlussstrich unter sein vielgestaltiges musikdramatisches Schaffen, das ihn als einen der individuellsten Komponisten des 20. Jahrhunderts ausweist.
Anlässlich der Uraufführung von Gisei zeigt das Staatstheater Darmstadt im Foyer vom 30. Januar bis zum 15. März die Ausstellung „Carl Orff – Humanist gegen den Strom der Zeit“. Diese und eine weitere transportable Ausstellung zu den japanischen Einflüssen auf Orffs Werk können beim Orff-Zentrum in München ausgeliehen werden.
Foto rechts: Carl Orff um 1913; Schott Archiv
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