Schott Music Adventskalender - 18. Dezember

 

Neujahrskonzert mit Carlos Kleiber

Wien 1992: Neues Glück mit den Wiener Philharmonikern

Carlos Kleiber dirigierte 1992 für den 1990 in New York verstorbenen Leonard Bernstein das Neujahrskonzert in Wien. Als sich Kleiber dazu entschloss, rechnete es ihm nicht allein Franz Mailer, der Präsident der Johann-Strauß-Gesellschaft in Wien, hoch an. Eine junge Dame aber, mit der Kleiber eng befreundet war, hatte wohl entscheidenden Anteil daran, dass er sich zu dieser Entscheidung durchringen konnte. Denn er verspürte nicht unbedingt den Wunsch, das weltweit Aufsehen erregende Medienspektakel [von 1989] nochmals über sicher ergehen zu lassen. […]

Im Jubiläumsjahr der Wiener Philharmoniker war die Ouvertüre zu Otto Nicolais komischer Oper Die lustigen Weiber von Windsor Pflicht. Der in Königsberg geborene Komponist hatte das Wiener Orchester 1842 gegründet. Die Ouvertüre gab Anlass für Dispute zwischen Kleiber und dem Ersten Geiger Clemens Hellsberg, der auch das Historische Archiv der Wiener Philharmoniker betreute. Dieser erinnert sich daran: „Kleiber täuschte sich, als er meinte, dass Nicolai selbst das Werk in Wien geleitet habe. Er wollte das originale Notenmaterial, das wir aber nie besaßen. Ich fuhr zu Kleiber nach München und konnte ihm das zum Glück beweisen, worauf er ironisch sagte: „Sind Sie der Archivar, über den ich so viel geschimpft habe?“

Ansonsten wirkte Kleiber während der Vorbereitung seines zweiten Neujahrskonzerts in Wien entspannter als beim ersten. In der letzten Probe sagte Kleiber beim Walzer An der schönen blauen Donau wie beiläufig zu den Musikern: „Ich hätte eine Bitte im Donauwalzer. Ich weiß, Sie spielten das schon an der Mutterbrust, (…) das wird immer so gemacht. Könnten wir was anders machen? (…) Also, wenn Sie das freiwillig machen, bin ich sehr froh.“

Beim Radetzky-Marsch von Johann Strauß (Vater) sagte er: „Also, ich hätte zwei Sachen nicht gern: Papierregen und dieses Einschlafen von dem Marsch. Es ist ein Marsch für eine verlorene Schlacht, heißt es. Wir wollen’s ein bisserl machen wie im Sissi-Film. Damals war das schrecklich, der Radetzky, der war furchtbar. Eigentlich sollte man den Marsch nicht spielen. Ich bekomme immer Briefe von Wolfgang Wagner, sollte ich jemals ein Konzert spielen, nicht diesen Marsch. Es ist eine politische Sache.“ Den 1848 in Wien uraufgeführten Armeemarsch hatte Strauß zu Ehren von Feldmarschall Josef Wenzel Graf Radetzky von Radetz komponiert, der sich in vielen Schlachten hervorgetan hatte und in der Habsburgermonrachie von vielen national-monarchistisch gesinnten Österreichern sehr verehrt wurde. Radetzky kam auch in dem bekannten österreichischen Film Sissi aus dem Jahr 1955 mit Romy Schneider über die frühen Jahre der Kaiserin Elisabeth vor. Launig und provokant versuchte Kleiber beim Radetzky-Marsch das Orchester zu mehr Schwung zu ermutigen: „Könnten wir’s ein bisserl lauter spielen, österreichischer und nicht so langsam, ich schaff’ das nicht so langsam.“

Das Bild von Kleiber mit Trompete auf dem Podium in der Polka Vergnügungszug von Johann Strauß (Sohn) ging 1992 im Fernsehen und später auf dem Cover des Mitschnitts auf Compact Disc um die Welt. Der Strauß-Spezialist Franz Mailer hatte Kleiber geraten: „Lassen Sie die Melodie nicht vom Orchester blasen, das Signal gab einst der Schaffner bei der Abfahrt.“ So blies er es selber. Mailer erzählt: „Wenn man etwas sagte, was ihm einleuchtet, tat er es sofort.“


Aus: Alexander Werner: Carlos Kleiber. Schott Music. ED 20225

 

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(18.12.2008)



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