Werk der Woche – Jacques Offenbach: Les Contes d'Hoffmann

Die Opéra fantastique Les Contes d’Hoffmann ("Hoffmanns Erzählungen") von Jacques Offenbach erfreut sich seit ihrer Uraufführung am 10. Februar 1881 an der Pariser Opéra-Comique einer großen Beliebtheit und wird weltweit regelmäßig gespielt. Am 17. September feiert das Werk in einer Inszenierung von Elmar Goerden am Theater Basel unter der Leitung von Enrico Delamboye Premiere. In der Titelpartie ist Rolf Romei zu sehen, daneben Solenn' Lavanant-Linke als Muse, Agata Wilewska als Olympia, Sunyoung Seo als Giulietta und Maya Boog als Antonia.

Man vermutet, dass Offenbach 1851 eine Aufführung des Schauspiel "Les Contes d’Hoffmann" von Jules Barbier und Michel Carré besuchte.

In diesem Drama müssen sich für ihn all die schönen wie schaurigen Geschichten materialisiert haben, von denen die deutsche Erzähltradition so reich ist. – Kaye und Keck

In 5 Akten wird die Geschichte vom Dichter E.T.A. Hoffmann erzählt, der eines Abends von den Gästen in Luthers Weinstube dazu gedrängt wird, etwas von seinem Schaffen darzubieten. Obwohl Hoffmann nur Augen für die schöne Sängerin Stella hat, gibt er nach und beginnt, Geschichten über drei Frauen zu erzählen, in die er einst unsterblich verliebt war, die sich jedoch als bittere Enttäuschungen entpuppten. Die erste vermeintliche Frau war nur ein Automat namens Olympia. Die zweite Angebetete war die Künstlerin Antonia, die sich zu Tode sang. An die dritte Frau Giulietta verlor Hoffmann durch eine List letztlich sein Spiegelbild.

1873 begann Offenbach schließlich mit der Arbeit an der Oper Les Contes d'Hoffmann. Das Libretto dazu  verfasste Jules Barbier, der Mitautor des 1851 aufgeführten Dramas. Doch die Uraufführung der Opéra fantastique erlebte der Komponist nicht mehr; überhaupt prägen die Werkgenese zahlreiche Striche und Änderungen:  Als Offenbach am 5. Oktober 1880 starb, fehlten der 5. Akt, sämtliche Rezitative und Melodrame sowie die gesamte Orchestrierung, ein nahezu vollendeter Klavierauszug lag jedoch vor. Kurz nach Offenbachs Tod wurde der Komponist Ernest Guiraud damit beauftragt, die Oper fertigzustellen. Guiraud nahm sich dabei vollkommen zurück und komponierte unter Zuhilfenahme der Skizzen Offenbachs einen schlüssigen Epilog im Stil des Komponisten. In den darauffolgenden Jahrzehnten nahmen sich verschiedene Komponisten immer wieder der Aufgabe an, eine endgültige Fassung auszuarbeiten.

In der 2. Hälfte des 20. Jahrhunderts tauchten vermehrt verlorengeglaubte Quellen zu Les Contes d’Hoffmann auf. 1970 wurden 1.250 Seiten autographen Materials entdeckt. 1984 folgte dann die Wiederentdeckung von Material, das für die Uraufführung an der Opéra-Comique gestrichen worden war und erstmal 1988 in Los Angeles aufgeführt wurde. 1993 tauchte die letzte Nummer "Finale avec chœurs" des 4. Aktes auf, an der Offenbach noch wenige Stunden vor seinem Tod geschrieben hatte und die 1999 in Hamburg uraufgeführt wurde. Mit der Kopistenpartitur des Dirigenten von der Uraufführung 1881 an der Opéra-Comique folgte 2004 der bislang letzte Fund. Die Entstehung des Notenmaterials, das auch der Aufführung in Basel zugrunde liegt, wurde von den beiden Musikwissenschaftlern Michael Kaye und Jean-Christophe Keck betreut. Es etablierte sich zum meistgespielten Material und ermöglicht variable Aufführungsformen – so kann die Oper beispielsweise in der Dialogfassung oder in der auskomponierten Fassung mit Rezitativen gespielt werden.

Nach der Premiere finden bis zum Ende des Jahres 2014 noch 18 weitere Vorstellungen am Theater Basel statt. Weitere ausführliche Informationen zur Werkgenese und zum Inhalt finden Sie über die nachfolgenden Links.

Foto: Theater Basel / T+T Fotografie, Tanja Dorendorf

(15.09.2014)

 

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